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Freitag, 23. Januar 2009 13:04 Alter: 3 Jahr(e)

Deutschland hinkt bei Arbeits- und Arbeitsmarktbedingungen hinter Nordeuropa her

 

Neuer Index: Deutschland hinkt bei Arbeits- und Arbeitsmarktbedingungen hinter Nordeuropa her

Die Arbeits- und Arbeitsmarktbedingungen in den nordischen Ländern sind deutlich besser als in Deutschland. Dänemark, Schweden, Finnland und Norwegen schneiden beispielsweise bei der Arbeitsplatzsicherheit, bei Qualifizierungsmöglichkeiten, beim Informationsfluss im Unternehmen oder der Führungsqualität von Vorgesetzten klar besser ab als die Bundesrepublik. Der Vorsprung der Nordeuropäer zeigt sich für männliche wie für weibliche Beschäftigte. Besonders groß fällt er bei so genannten "atypischen" Beschäftigungsverhältnissen aus, zum Beispiel bei Leiharbeit oder befristeten Stellen. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Untersuchung der gewerkschaftsnahen. Hans-Böckler-Stiftung. Sie erscheint in der aktuellen Ausgabe der WSI Mitteilungen, die sich schwerpunktmäßig mit der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung im "nordischen Modell" befasst.

Das WSI entwickelte einen Index, der die Qualität der Arbeit in Europa vergleichbar macht. Insgesamt flossen 15 Indikatoren in die Bewertung ein - neben den bereits genannten unter anderem die Qualifizierungs- und Aufstiegsmöglichkeiten für Beschäftigte, das Einkommen oder die körperlichen und emotionalen Anforderungen, die die Arbeit stellt.

Ein Land mit optimalen Arbeits- und Arbeitsmarktbedingungen kann einen Maximalwert von 100 Punkten erreichen. Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland liegen in der europäischen Spitzengruppe mit Werten zwischen knapp 65 und 63 Index-Punkten. Deutschland rangiert mit 58,2 Punkten deutlich dahinter und leicht unter dem EU-Durchschnittswert. Besonders ausgeprägt ist der deutsche Rückstand bei Leiharbeitnehmern und befristet Beschäftigten. Zwar fallen deren Index-Werte auch in Nordeuropa durchgehend geringer aus als bei Beschäftigten, die im so genannten "Normalarbeitsverhältnis" unbefristet auf einer Vollzeitstelle arbeiten. Gleichwohl ist die Arbeitsqualität der "Atypischen" in den nordischen Ländern um mindestens zehn Indexpunkte höher als in der Bundesrepublik. Neben günstigeren beruflichen Zukunftsperspektiven weist der Index auch deutlich bessere Einkommen aus als in Deutschland. Bei unbefristeten Vollzeitstellen liegen die Einkommen von Nordeuropäern und Deutschen dagegen relativ nahe beieinander.

Der Ländervergleich zeige, "dass Spielraum besteht, die Qualität der Arbeit sowohl bei atypisch Beschäftigten als auch bei den Normalarbeitsverhältnissen zu steigern und zugleich die Arbeitslosigkeit zu senken", resümieren die Sachbearbeiter der Studie. Auch andere Analysen im WSI-Schwerpunktheft zeichnen ein überwiegend positives Bild des "nordischen Modells": "Es widerlegt die lange Zeit verbreitete Auffassung, dass sich eine gute Performanz der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes einerseits und eine hohe Staatsquote sowie umfassende Sozialleistungen andererseits ausschließen", schreiben der Verfasser der Studie Seifert und die WSI-Arbeitsmarktexpertin Claudia Bogedan in ihrem Editorial.  Allerdings skizzieren die Wissenschaftler auch politische Entwicklungen in den nordischen Ländern, die zentrale Punkte des Modells in Frage stellen. So wachse durch den zunehmenden Steuerwettbewerb in Europa auch die Kritik an der - bislang von einer breiten Mehrheit akzeptierten - starken Umverteilung durch das Steuersystem.

Quelle: Pressemitteilung der Hans-Böckler-Stiftung vom 23.01.2009